Vom Umgang mit russischen Kunstschaffenden

m Berner Oberland gibt es mehr als 14 Musikfestivals mit vorwiegend Klassischer Musik. Russische Werke, russische Komponisten, russische Interpret*innen, Dirigenten und Ensembles bilden seit jeher einen wichtigen Baustein im Musikbetrieb. Derzeit ist es kompliziert geworden. Der Gastbeitrag von Kurt Keller (ehemaliges Mitglied des Kulturrats) erörtert wichtige Fragen und Probleme.

Im Berner Oberland gibt es mehr als 14 Musikfestivals mit vorwiegend Klassischer Musik. Russische Werke, russische Komponisten, russische Interpret*innen, Dirigenten und Ensembles bilden seit jeher einen wichtigen Baustein im Musikbetrieb. Derzeit ist es kompliziert geworden. Der Gastbeitrag von Kurt Keller (ehemaliges Mitglied des Kulturrats) erörtert wichtige Fragen und Probleme.

«S isch kompliziert» – so lautet der Titel von Bänz Friedlis neustem Kabarettprogramm. Kompliziert sind auch die Fragen, die sich zum Umgang mit russischen Künstlerinnen und Künstlern stellen.

Einige Fakten und Beispiele

Die Konzerte von Dirigent Waleri Gergijew (69) am Lucerne Festival wurden abgesagt. Das Verbier Festival hat Gergijew seiner Position als Musikdirektor enthoben, die Münchener Philharmoniker haben ihn als Chefdirigenten trotz laufenden Vertrags suspendiert. Anna Netrebkos (51) Auftritte in Zürich wurden abgesagt. Die beiden Pianisten Alexander Malofejew (20) und Denis Masujew (46) wurden, da beide Russen sind, in Montreal resp. in Luzern ausgeladen. Und die Ausladung der Cellistin Anastasia Kobekina (28) in der Kartause Ittingen wurde schweizweit als «Schande von Ittingen» in der Presse diskutiert. Werke verstorbener russischer Komponisten werden stillschweigend aus dem Programm genommen. Den Vogel abgeschossen hat die Università Milano-Bicocca, welche einen Kurs über das Werk des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewskij (1821-1891) abblasen wollte. Die russische Eishockeynationalmannschaft wurde von der IIHF vom WM-Turnier ausgeladen – zugegeben, damit ist der Begriff «Kulturschaffende» zu weit gefasst, auch wenn Eishockeyfreunde vom russischen Hockey als einer Art Kunst auf Eis sprechen dürften…

Warum es kompliziert ist

Kompliziert, aber nur auf der finanziellen Ebene, sind Ausladungen und Absagen: Jede Künstlerin wird sich darauf berufen, dass die abgeschlossenen Verträge Modalitäten ihres Engagements betreffen und keine politischen Klauseln beinhalten. Und für Veranstalter dürfte es schwierig sein, mit force majeure zu argumentieren, also mit Höherer Gewalt. Diese Absagen dürften eine kostspielige Sache werden, da man den Künstler*innen ja nicht vorhalten kann, sie würden ihren vertraglichen Verpflichtungen nicht nachkommen.

Richtig kompliziert wird es mit den Begründungen hinter den Absagen und Ausladungen: Darf man an ein zwanzigjähriges Nachwuchstalent die gleichen Erwartungen bezüglich politischen Bewusstseins stellen wie an den mehr als dreimal so alten Dirigenten? Reicht die Tatsache, Russe zu sein, aus für die Ausgrenzung der Kunstschaffenden? Mit welchem Recht erwartet man ein politisches Statement von einem Pianisten, einer Cellistin, ehe man sie engagiert?

Nehmen wir diese Fragen etwas auseinander:
Dass Leute, die sich jahrelang im Umfeld der russischen Führung aufgehalten haben, mit anderen Massstäben beurteilt werden als junge Erwachsene, scheint plausibel. Aber man sollte sich vor vorschnellen Automatismen hüten; die grossen Dirigenten zur Zeit des Nationalsozialismus, die in Grossdeutschland tätig waren (Karajan, Furtwängler, Richard Strauss, Karl Böhm, Eugen Jochum u.a.), wird man nicht pauschal als Sympathisanten des Regimes betrachten können. Sie hatten jeweils eine ganz unterschiedliche Nähe zu den Ideen des Regimes, vom überzeugten Sympathisanten bis zum Mitläufer und Duckmäuser. Das bequeme Klassieren nach objektiven Daten ist uns also verwehrt und man wird genauer hinschauen müssen.

Der Boykott alles Russischen ist auch so eine Scheinlösung für intellektuell Bequeme. Dass es sich mit unserem Rechtsempfinden nicht vereinbaren lässt, leuchtet ein. Pauschalstrafen sind eine Beleidigung für unser moralisches und juristisches Denken. Russisches boykottieren, um damit die Führung in Moskau zu treffen? Im besten Fall liefert man damit Munition für die ohnehin schon unzimperliche russische Propaganda, die sich in ihrem einfältigen Konstrukt, der Westen verfolge die Russen, bestätigt fühlen wird. Rallying around the flag effect nennen das die Politikwissenschaftler – Druck von aussen wirkt auch (und gerade) in Unrechtsregimes einigend.

Zur dritten Frage: Sollen wir von Künstlerinnen und Künstlern ein «Bekenntnis zu unseren Werten» verlangen? Zumindest eine verbale Abgrenzung von diesem Angriff der früheren Supermacht auf eine ehemalige Sowjetrepublik und jetzt selbständigen Staat? So etwas haben die US-Amerikaner auch einmal versucht, in den 50-er Jahren: Das Komitee für unamerikanische Aktivitäten unter Senator McCarthy stellte sämtliche Kunstschaffenden in den USA unter den Generalverdacht, Kommunisten, Atheisten, Homosexuelle oder auf andere Art Feinde der «guten Gesellschaft» zu sein. Jetzt, im Jahr 2022, eine Art Bekenntniszwang einzuführen, wäre eine unrühmliche Fortsetzung eines alten Fehlers. Zumal das eingeforderte Bekenntnis hier im Westen zu einer Verfolgung dort im Osten führen kann: Wer garantiert, dass nicht Familie und Freunde im Heimatland den Preis für eine Verurteilung des militärischen Überfalls zu bezahlen haben?

Was also tun?

Die einfachste Richtschnur scheint mir in einer Distinktion zwischen Verbänden und Individuen zu liegen. Die Sbornaja, dieses Kollektiv von Künstlern auf Kufen, ist die Repräsentantin des russischen Verbandes und es ist nachvollziehbar, wenn die IIHF den Ausschluss aus dem WM-Turnier verfügt. Individuen vertreten dagegen nicht primär ihr Land, sondern sich selber.

Dennoch: Beim Engagement von Musiker*innen wird man derzeit schwerlich um eine Differenzierung nach der Nähe zur Ideologie des Regimes herumkommen. Das ist zwar ein Widerspruch zu all dem, was uns an der Kunst teuer ist; nur verbohrte Ideologinnen (und solche gibt es links wie rechts) wollen partout den Künstler mit seiner Kunst gleichsetzen. Früher ging es um Vergehen gegen die bürgerliche Moral, heute allzu oft um Ansichten, die dem selbstgerechten Meinungsterror der tonangebenden Zirkel zuwiderlaufen. Beide Haltungen sind auf ihre Art verbohrt und kleinkariert.

Eine pragmatische Lösung liegt vielleicht in der Art und Weise, wie man Auftritte russischer Künstlerinnen und Künstler inszeniert und umsetzt: Die Programmgestaltung, die Auswahl von Kunstwerken und ihre Kontextualisierung sind Mittel, mit denen unsere westliche Haltung zur gegenwärtigen Tragödie ins Spiel kommen kann. So gibt man der Kunst (ob Musik oder darstellende Kunst) die Möglichkeit, einen Beitrag zum Gespräch zu leisten. Dazu kommt, dass nebst den Individualisten ja immer ein ganzes Team von weiteren Leuten involviert ist. Auch dort, in der Kombination verschiedener Beteiligter, liesse sich wohl mit einem guten Gespür eine wirksame Stellungnahme ausdrücken. Ein Boykott alles Russischen ist zu billig und unserer Zeit nicht würdig.

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