Kulturelles Erbe und Innovation – ein Widerspruch?

Kultur und Innovation sind eng miteinander verbunden, ist Evelyn Brunner, Mitglied des Kulturrats, überzeugt. In ihrem Gastartikel geht sie der Frage nach, weshalb sich die beiden Begriffe sogar bedingen.

Kultur und Innovation sind eng miteinander verbunden, ist Evelyn Brunner, Mitglied des Kulturrats, überzeugt. In ihrem Gastartikel geht sie der Frage nach, weshalb sich die beiden Begriffe sogar bedingen.

Die Begriffe «Kultur» und «Innovation» sind in unserem heutigen Wortschatz beinahe omnipräsent und werden in unterschiedlichsten Zusammenhängen verwendet. Wir sprechen von Unternehmens-, Feedback-, Bakterien- und Pilzkulturen, von innovativen Ernährungs- und Wohnformen oder von technischen und wirtschaftlichen Innovationen. Innovation ist längst zur Auszeichnung geworden – wer nicht innovativ ist, gilt als rückständig. Zu Recht?

Beide Begriffe haben ihre sprachlichen Wurzeln im Lateinischen. Es mag ein tröstlicher Gedanke sein, dass sich bereits die alten Römer über die Bearbeitung und Pflege des Bestehenden (Kultur) und über Neuerungen (Innovation) Gedanken machten. Ihre Innovationen sind für uns kulturelles Erbe. Zukünftige Generationen werden unsere Innovationen ebenso betrachten. Insofern ist Innovation ein relativer Begriff. Die Frage sei nämlich erlaubt: Neu für wen? Neu für wie lange? Was genau ist das Neue an der Innovation?

Dazu fällt mir eine chassidische Geschichte ein. Der Rabbi hatte einen Sohn. Dieser wurde sein Nachfolger. Als die Leute den jungen Rabbi fragten, ob er es gleich halten werde wie sein Vater, antwortete er: «Ja, ich mache es wie er – ich mache alles anders.»

Egal, ob man in zeitlichen oder qualitativen Mustern denkt – es wird schnell klar, dass Kultur und Innovation eng miteinander verbunden sind. Mehr noch – sie bedingen einander. Niemand kann den Zeitpunkt klar benennen, wann eine Innovation zum kulturellen Erbe wird. Fehlen Neugier und Wagnis, verfällt das kulturelle Erbe in leblose Starre. Umgekehrt kann Innovation nur dort entstehen, wo bereits etwas besteht.

Wie viel Innovation erwünscht, nötig oder sinnvoll ist, hängt von der individuellen kulturellen Prägung ab und kann deshalb nur individuell beantwortet werden. Als Musikerin schätze ich mich glücklich, in einem Land zu leben, in dem Kultur und Innovation Hand in Hand gehen und Kunstschaffende neugierig, reflektierend, phantasie- und lustvoll das kulturelle Erbe aufgreifen, daran anknüpfen und es sowohl inhaltlich als auch formal weiterentwickeln können. Damit ist wohl ein grundlegendes menschliches Bedürfnis erfüllt.

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